Heute ist der internationale Tag der Kinderrechte. Kennen Kinder ihre Rechte?

 

Am 20. November 1989 wurde die UN-Kinderrechtskonvention von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet und bis dato von den meisten Staaten der Erde ratifiziert.

Dennoch kennen viele Kinder, auch in Deutschland, ihre Rechte nicht. Um das zu ändern, wurde 2014 von dem Verein Education Y das Programm „buddY Programm Kinderrechte“ zusammen mit UNICEF und dem nordrhein-westfälischen Kultusministerium gegründet. Dieses Programm wird KiTas, Grund- und Sekundarschulen sowie Hochschulen angeboten.

Im Rahmen des Kinderrechtetags und der UNICEF-Aktion „KidsTakeOver“ habe ich, Adriana Wende,  einige Fragen bezüglich dieses Programms an Frau Kathrin Stenzel, Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Education Y, gestellt.

Adriana Wende: Wann wurde Education Y gegründet?

Kathrin Stenzel: EDUCATION Y wurde 2005 als buddY E.V. gegründet. Damals steckte das Bildungssystem gerade in einer turbulenten Zeit. Erstmals widmeten sich Bildungsberichte in einem nicht gekannten Ausmaß der Entwicklung von Schulen. Es wurde viel über Bildungsstrukturen diskutiert aber auch darüber, wie chancengerecht das System eigentlich ist.

Was war der Hintergrund dieser Gründung?

Bereits bevor der Verein gegründet wurde, gab es das buddY-Projekt zum sozialen Lernen an Schulen. Es war als präventives Projekt gedacht, um zu verhindern, dass Kinder abrutschen und auf der Straße landen. Die damalige Mannesmann AG (heute Vodafone) zog diese Erkenntnis aus einem Straßenkinderprojekt namens „Off Road Kids“, welches heute sehr erfolgreich ist. So engagiert sich die Vodafone Stiftung Deutschland heute nicht nur für Straßenkinder, sondern fördert auch unseren Verein, um chancengerechtere Bildung zu ermöglichen.

Mit welcher Mission wurde Education Y gegründet?

Nach der Gründung im Jahr 2005 entwickelte sich das buddY-Projekt schnell zu einem Programm. Es galt nicht mehr nur allein die Schutzfaktoren zu stärken und auszubauen, die Kinder und Jugendliche vor Konflikten bewahren. Mit der gezielten Förderung vor allem sozialer und emotionaler Kompetenzen verfolgt EDUCATION Y bis heute einen wesentlich breiteren Ansatz an Schulen. Dieser ist mit Blick auf die aktuellen komplexen gesellschaftlichen Veränderungen, die unter anderem auch die Digitalisierung mit sich bringen, aktueller denn je. Die Organisation verfolgt heute umso intensiver die Mission, einen Wandel im Bildungssystem zu erwirken. EDUCATION Y möchte mehr Chancengerechtigkeit sowie die zukunftsgerichtete Förderung sozialer, emotionaler und digitaler Kompetenzen.

Wie kam es zu dem buddY-Programm?

Das buddY-Programm ist zu einem Angebot mit unterschiedlichen Schwerpunkten gereift. Das Team von EDUCATION Y arbeitet gemeinsam mit Schulleitungen und deren Teams an der sogenannten Schulentwicklung – eine Form der Organisationsentwicklung in Schulen. Es gibt zudem einen buddY-Schwerpunkt in der Übergangsgestaltung. Damit ist sowohl der Übergang von der Grund- in die weiterführende Schule gemeint als auch der von der Schule in den Beruf. Das buddY-Programm Kinderrechte ist eine äußerst gelungene Kooperation mit UNICEF Deutschland und dem Schulministerium NRW. Es wurde zunächst 2014, im 25ten Geburtstagsjahr der Kinderrechtekonvention, mit einer kleinen Gruppe von Schulen in NRW gestartet.

Das Programm wurde als Pilotprojekt 2014 eingeführt. Wie war die anfängliche Rezeption seitens des Kultusministeriums NRW?

Das NRW-Schulministerium hat das Programm von Anfang an intensiv unterstützt. Es stellt eine Landeskoordinatorin bereit, die sich fachlich, inhaltlich und in der Organisation der Abläufe um das buddY-Programm Kinderrechte kümmert. Zuletzt gab es eine Verlängerung der Kooperation um weitere fünf Jahre. Aktuell erwächst aus der Kooperation eine Fachtagung mit dem Titel: „Kinderrechteschulen in NRW: Indikatoren für eine KINDERRECHTESCHULE“ — Ziel ist es an diesem Tag Indikatoren zu erarbeiten, die eine Kinderrechteschule ausmachen. Damit verleiht der Fachtag dem zentralen Bildungsziel, der Sicherstellung von Demokratie und Kinderrechten in Bildungseinrichtungen, Politik und Öffentlichkeit, die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Denn: Kinder und Jugendlichen haben ein Recht darauf zu lernen und zu erfahren, wie sie eine demokratische Gesellschaft mitgestalten können, um gut zu „ihren Rechten“ zu kommen.

Welche Hürden gab es bei der Einführung?

Wir erleben eine sehr gute und gelungene Kooperation und haben natürlich den Wunsch das buddY-Programm Kinderrechte in möglichst vielen Bundesländern anzustoßen. Neben dem Land NRW und UNICEF haben wir die Unfallkasse NRW, die NRW.BANK, die Landeszentrale für politische Bildung NRW und die Vodafone Stiftung Deutschland für unser Vorhaben gewinnen können. Sie unterstützen unsere Arbeit finanziell und das wäre auch die Notwendigkeit und, wenn Sie so wollen, die Hürde für jede weitere Einführung in anderen Bundesländern: Wir benötigen Förderpartner, die sich dafür begeistern können und Geld geben. Eine weitere Hürde ergibt sich oft, weil Schulleitungen zunächst denken, dass sie mit dem Programm ganz viel Mehrarbeit bekommen. Das ist nicht der Fall. Das Programm fügt sich in den Schul- und Fortbildungsalltag der Lehrkräfte. Selbstverständlich braucht es ein klares Commitment des Kollegiums, daran arbeiten und das eigene Schulprogramm auf Kinderrechte ausrichten zu wollen.

Wie wurde/wird das Programm von den teilnehmenden Schulen angenommen? Wie ist das Feedback der Schüler und Lehrer?

Das Programm wurde äußerst positiv von den über 100 teilnehmenden Schulen angenommen. Viele Schulen, die in der ersten Runde teilnahmen, hatten sich bereits auf den Weg in Richtung Kinderrechte gemacht oder waren wichtige Schritte gegangen, Kinder partizipativ in den Schulalltag einzubinden. Viele empfanden das Programm sowohl als Bereicherung aber auch als Möglichkeit sich noch einmal stärker und klarer auf Kinderrechte zu fokussieren und den Schulalltag darauf auszurichten. Andere Schulen stehen noch ganz am Anfang. Sie haben mit dem Durchlaufen des eineinhalbjährigen Trainings von EDUCATION Y, das auch eine Befragung der Kinder selbst umfasst, begonnen, sich als Kollegium zu sortieren, zu schauen, was genau machen wir schon alles und was braucht es noch, damit Kinder ihren Schulalltag eigenverantwortlich mitgestalten können, damit sie sich aktiv einbringen, ihre Rechte wahrnehmen. Die Basis ist dort zunächst einmal, dass Kinder ihre Rechte kennen und lernen, wie sie diese einfordern. Die Entwicklungsprozesse sind also angestoßen, jetzt arbeiten die Kollegien daran weiter. Die Schüler sind häufig überrascht, zu erfahren, welche Rechte sie haben. Je mehr sie Gelegenheit bekommen, sich mit ihren Rechten auseinanderzusetzen und je stärker schulinterne Strukturen darauf ausgerichtet sind, desto selbstbewusster und aktiver erleben wir sie. Sie treten für ihre Anliegen vor Lehrern ein, sie sind sehr achtsam im Umgang mit den Rechten, sie entscheiden im Schülerparlament mit, wie der Schulhof gestaltet wird, welche Schulregeln es gibt und welches Thema für die nächste Projektwoche wichtig ist.

Wie oft findet der pädagogische Tag an jeder Schule statt? Wie ist der Ablauf?

Der pädagogische Tag findet einmal im Rahmen des Trainings statt. Er richtet sich an alle Lehrer im Kollegium. Mit dem Angebotsformat „Pädagogischer Tag Kinderrechte“ an z.B. Sekundarschulen erhalten die Schulen Gelegenheit, die UN-KRK als rechtebasierten, normativen Bezugspunkt für die Entwicklung hin zu einer diskriminierungsfreien und inklusiven Schule kennenzulernen. Er setzt sich aus verschiedenen Vorträgen und methodischen Übungen zusammen, die das Kollegium gemeinsam absolviert.


Anmerkung: Mehr Informationen zu diesem Programm kann man unter www.education-y.de finden.
Adriana Wende, 20PH1